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Leistungslohn: Mehr Segen als Fluch
von Werner Reimann, DemoSCOPE Die klare Mehrheit der Erwerbstätigen steht einer leistungsabhängigen Entlöhnung positiv gegenüber und hat gute Erfahrungen damit gemacht. Ohne Tücken sind solche Systeme allerdings nicht. Das ergab eine Online-Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut DemoSCOPE im April und Mai im Auftrag von Angestellte Schweiz durchgeführt hat.
 Fast drei Viertel der 530 Umfrageteilnehmerinnen und –teilnehmer, die weitgehend aus der Metall- Elektro- und Maschinenindustrie sowie aus Chemie und Pharma stammen, sind grundsätzlich für Leistungslöhne. Diese Einstellung ist weitgehend unabhängig davon, ob jemand selber einen Leistungsanteil in seinem Salär hat oder nicht. Man kann somit feststellen, dass leistungsabhängige Lohnsysteme bei den Erwerbstätigen eine hohe Akzeptanz geniessen. Besonders gross ist der Support mit 90 Prozent bei den mittleren und höheren Kader. Er sinkt bei den unteren Kadern auf 83%, bei den Spezialisten auf 75% und bei den Mitarbeitenden ohne Führungs- oder Spezialistenfunktion auf nur noch 65%.
Leistungsabhängige Lohnsysteme sind nicht nur im Arbeitsalltag akzeptiert, sie sind hier auch auf breiter Front präsent. Zwei Drittel unter den Erwerbstätigen kommen selber in den Genuss eines leistungs- oder erfolgsabhängigen Bonus. Er beträgt durchschnittlich 7000 Franken pro Jahr, macht also einen relativ geringen Anteil am Gesamteinkommen aus. Bezahlte Überzeit im Durchschnittsbetrag von 5000 Franken können zehn Prozent geltend machen, Spesenpauschalen von knapp 5800 Franken vier Prozent und Schichtzulagen in der Höhe von 5150 Franken drei Prozent. Nur zwei Prozent der Erwerbstätigen, meist aus Marketing und Verkauf, erhalten Verkaufsprovisionen. Sie schlagen bei dieser kleinen Gruppe aber mit durchschnittlich 20’500 Franken zu Buche. Und schliesslich werden elf Prozent der Befragten andere, kleiner Entschädigungen im Durchschnittsbetrag von 1800 Franken jährlich ausbezahlt.

Jetzt wird auch begreiflich, weshalb mittlere und höhere Kader Leistungslöhne häufiger akzeptieren als Mitarbeitende ohne Führungs- oder Spezialistenfunktion: Sie profitieren davon auch ungleich mehr. Während 91% der Angestellten am oberen Ende der Hierarchie in den Genuss eines Leistungszustupfs von durchschnittlich 17'000 Franken pro Jahr kommen, bleibt ganz unten für 66% eine Prämie in der Höhe von durchschnittlich 5000 Franken.
 Basis für die Ausrichtung von variablen Lohnanteilen sind besonders häufig die individuelle Leistung (71%), das Unternehmensergebnis in einer vertraglich fixierten Abmachung (55%) und die Teamleistung (49%). Institutionalisierte Systeme mit klaren Strukturen sind somit weit verbreitet, eher zufallsgesteuerte deutlich seltener: Bei 32% der Antwortenden gibt das Unternehmen einen Teil des Unternehmensgewinns ohne spezielle Abmachung an die Mitarbeitenden weiter, in 11% der Fälle entscheidet die Geschäftsleitung oder der direkte Vorgesetzte ohne schriftliche Vereinbarung über einen allfälligen Bonus.
 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Zahl der Leistungslohn-Gegner unter denjenigen, die Boni, Gratifikationen und ähnliches auf eher zufälliger Basis erhalten, mehr als doppelt so gross ist wie bei denjenigen, bei denen die entsprechenden Systeme strukturiert und institutionalisiert sind. Das verwundert nicht und zeigt deutlich, dass die Erwerbstätigen klare, verbindliche Abmachungen erwarten und mit Leistungslöhnen im Sinne einer gönnerhaften Geste des Arbeitgebers nicht einverstanden sind. Vom finanziellen Standpunkt aus nicht zu unterschätzen sind weitere, bisher nicht erwähnte Zusatzleistungen. So erhalten 50% eine Mahlzeitenvergütung, bei 25% übernimmt das Unternehmen mindestens einen Teil der Versicherungsprämien für Nicht-Betriebsunfall oder Krankenkasse, 12% erhalten ein Abo für den öffentlichen Verkehr, 10% besitzen Aktien ihres Arbeitsgebers und 7% fahren einen Firmenwagen.
 Bei diesen Fakten kann es nicht überraschen, dass die Erwerbstätigen in verschiedener Weise positiv über Leistungslöhne denken. Gut zwei Drittel bestreiten, dass solche Lohnsysteme unmenschlich seien, weil sie die Angestellten dazu zwängen, an ihre Leistungsgrenzen oder darüber hinaus zu gehen. Für ähnlich viele ist es kein Problem, dass bei den variablen Lohnanteilen der genaue Betrag erst am Ende des Jahres feststeht und die persönlichen Ausgaben nur begrenzt im Voraus budgetiert werden können. Das dürfte auch daran liegen, dass es sich oft um eher kleine Beträge handelt, die im Haushaltsbudget nicht sehr ins Gewicht fallen. Gut die Hälfte begrüsst das Leistungslohn-Prinzip, weil sie davon überzeugt sind, mit einer guten Leistung die Höhe des eigenen Lohns positiv beeinflussen zu können. Und ähnlich viele fühlen sich selbst von Leistungslöhnen speziell motiviert. Aber es gibt auch kritische Punkte: 73% machen geltend, dass Leistung nicht objektiv gemessen werden könne. Und 44% zweifeln daran, dass mit dem Leistungslohn nur die Guten und Erfolgreichen belohnt werden und die anderen leer ausgehen.
 Nicht alle haben eben selbst gute Erfahrungen mit solchen Lohnsystemen gemacht. Ein Drittel fühlt sich selbst nicht fair beurteilt. Die eigene Erfahrung beeinflusst die Einstellung nachhaltig: Unter denjenigen, die für Leistungslohn einstehen, haben nur 26% selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht. Hingegen sind es bei den Leistungslohn-Gegnern fast doppelt so viele.
 530 Antwortende Die Angestellten Schweiz machten auf der Startseite der Website vom 2. April bis 15. Mai auf die Umfrage aufmerksam, die von DemoSCOPE (Adligenswil) konzipiert und ausgewertet wurde. Beteiligt haben sich schliesslich 530 Erwerbstätige, grösstenteils aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie aus Chemie und Pharma. Die Struktur der Umfragteilnehmer entspricht im Wesentlichen derjenigen der letztjährigen Lohnerhebung. Insbesondere decken sich die beiden Umfragen hinsichtlich beruflicher Stellung der Antwortenden, die erfahrungsgemäss bei diesem Thema eine entscheidende Rolle spielt. Überall, wo von Durchschnittszahlen die Rede ist, basieren die Angaben auf dem sogenannten Median. Dieser teilt eine sortierte Zahlenmenge in zwei Hälften. Wenn also zum Beispiel in einem Kleinunternehmen 19 Angestellte Boni oder Prämien erhalten und diese der Grösse nach geordnet werden, ist der Durchschnitts-Leistungslohn derjenige der Person mit dem zehntgrössten Betrag. Dem Median wird gegenüber dem im Alltag gebräuchlicheren arithmetischen Mittelwert (engl. Mean) bei Salärstudien deshalb der Vorzug gegeben, weil er die Zahlen tendenziell „glättet“. Arithmetische Mittelwerte können hingegen nicht unwesentlich von einzelnen Extremwerten (hier: Grossverdienern), sogenannten „Ausreissern“, beeinflusst werden.

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